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Reinhard Jirgl

Reinhard Jirgl

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2007/2008   Reinhard Jirgl

Seine Kindheit verbrachte Reinhard Jirgl in der Altmark bei den Großeltern, bis er im Alter von elf Jahren zu den Eltern nach Berlin zurückkehrte. Er besuchte die Oberschule bis zur 10. Klasse und wurde als Elektromechaniker ausgebildet. Von 1969 an stand Jirgl im Arbeitsleben und besuchte überdies Kurse am Abendgymnasium. Von 1971 bis 1975 studierte er Elektronik an der Humboldt-Universität in Berlin. Sein Studium schloss er als Hochschulingenieur ab, um danach bei der Adlershofer Akademie zu arbeiten. 1978 wechselte er als Beleuchtungstechniker an die Berliner Volksbühne. Seit 1996 lebt Jirgl als freier Schriftsteller in Berlin. Er ist Mitglied im PEN-Zentrum der BRD.

Jirgl gehörte zu jener jüngeren Autorengeneration in der DDR, die während der 1980er Jahre vermehrt experimentelle Formen aufgriff; heute darf er als einer der wichtigsten und avanciertesten deutschen Autoren gelten.

Der Beginn seiner Autorschaft, die sich zunächst in einem Schreiben „für die Schublade“ ausbildete, führte ihn 1978 an die Volksbühne nach Ostberlin, wo er Zeit zum Schreiben fand und durch Heiner Müller maßgeblich gefördert wurde. Im Gespräch benannte Jirgl u.a. Michel Foucault, Georges Bataille, Ernst Jünger und Carl Schmitt als wichtige Einflussgrößen einer „intellektuellen Gegenexistenz“ in der DDR, die sich in seiner Literatur niederschlug; auch an Louis-Ferdinand Céline ist zu denken.

Jirgls erstes Romanskript wurde 1985 vom Aufbau-Verlag aus ideologischen Gründen abgelehnt, 1990 dann aber doch verlegt. Dieser Mutter Vater Roman, der die späte Kriegszeit und die Nachkriegsjahre mit Blick auf die Aufbaugeneration der DDR aufgreift, enthält bereits die zentralen Themen, Motive und Eigenarten, die auch Jirgls weiteres Schaffen prägen. Formal dominieren innerer Monolog, psycho-narration und traumartige Sequenzen, die Bombenkriegserinnerung, Gewaltphantasien und Beziehungsnöte zu beklemmenden Bildern verweben. Ein „gleitendes Ich“ (Jirgl) als schwer greifbare, perspektivisch wechselnde, nahezu amoralische Reflexionsinstanz prägt auch die späteren Prosatexte. Seine bereits in den 1980er Jahren in der DDR entstandene, erst 2002 publizierte Genealogie des Tötens. Trilogie, vereinigt heterogene Textblöcke, die auch mit theatralischen Elementen und Medienmix – Anlehnung an die griechische Tragödie sowie Libretto-Inszenierung mit Tonband – arbeiten.

Jirgls Roman Abschied von den Feinden (München 1995), dessen Manuskript 1993 mit dem Döblin-Preis ausgezeichnet wurde, brachte ihm den öffentlichen Durchbruch; der Text verbindet traumatisierte Familien- und Beziehungserfahrungen zweier verfeindeter Brüder mit Versatzstücken von DDR-Existenzen zu einem diffizilen narrativen Geflecht, in dem sich die Erzählsituationen und Fiktionalitätsebenen überlagern. Die scheinbaren Parallelwelten von BRD und DDR sowie ihr plötzliches Wiederaufeinandertreffen nach der sog. Wende bilden die Folie für die Figurenkonstellationen Jirgls, an die auch Hundsnächte (München 1997) anknüpft: Hier vegetiert einer der Brüder in einer Ruine im Niemandsland des ehemaligen innerdeutschen Todesstreifens und produziert unablässig Schrift, ein „Sinnbild des Schreibens“ (Helmut Böttiger).

Ist in Jirgls Texten letztlich stets die Unmöglichkeit dargelegt, den eigenen Vergangenheiten zu entrinnen, handelt Die atlantische Mauer (München 2000) von der Suche nach einer Tabula rasa, Aus- und Aufbruchsversuchen von DDR- und BRD-Biographien in die Neue Welt; der in die USA übergreifende Text markiert nach Ansicht einiger Kritiker einen Übergang im Schreibprojekt des Autors, doch ist auch dieser Roman im Kern allein der deutschen Befindlichkeit gewidmet. Die folgenden Arbeiten wenden sich dementsprechend folgerichtig in Raum und Zeit zurück nach Alteuropa, den deutschen Traumata zu: Die Unvollendeten (München 2003) nimmt in gebrochenen Perspektiven die Vertreibung der Deutschen aus dem Sudetenland in den Blick, während sein jüngster Roman Abtrünnig (München 2005) nach bewährter Manier eine DDR- und eine BRD-Biographie im gegenwärtigen Berlin parallellaufen lässt.

Grundsätzlich gilt Jirgls Interesse zuvorderst der Offenlegung jenes „homo homini lupus“, das sich hinter Sätzen, Wörtern und Zeichen verbirgt: den Machtverhältnissen, die etwa psychiatrische Befunde erlauben und hervorbringen. Die radikale Skepsis des Autors lässt Ausflüchte nicht zu, sie wendet sich fast solipsistisch einer kreatürlichen Leiblichkeit als ontologisch letzter Instanz zu und attackiert allfällige kollektivistische oder individualistische Sinn- bzw. Erlösungsversprechen.

Seinen sprachmächtigen Texten gelingt es, durch ihre Bildkraft zu fesseln und zugleich durch kalt sezierende Intellektualität zu verstören. Auch im poststrukturalistischen Duktus macht Jirgls Schreiben ernst mit Foucaults Vorstellung von der Subversivität der Literatur: Mittels einer unkonventionellen, teilweise „lautmalerischen“ Rechtschreibung und einer eigenen Zeichen-Nomenklatur versucht der Autor, den Text als Körper sichtbar zu modellieren, wodurch gleichzeitig jedoch dessen Zeichencharakter selbstreflexiv offengelegt wird. Von der Kritik wird an Jirgls Romanen bisweilen nicht zu Unrecht ein Überfrachten der Figurenrede mit essayistischen Exkursen bemängelt, seine Sprachkraft indes nicht in Zweifel gezogen.

Auszeichnungen

1991 Anna-Seghers-Preis 
1993 Alfred-Döblin-Preis 
1994 Literaturpreis der Stadt Marburg, Stipendium im Künstlerdorf Schöppingen 
1995 Stipendium des Berliner Kultursenats 
1996 Alfred-Döblin-Stipendium 
1997 Stipendium im Künstlerhaus Schreyahn 
1998 Johannes-Bobrowski-Medaille, Berliner Literaturpreis der Stiftung Preußische Seehandlung, Heinrich-Heine-Stipendium 
1999 Joseph-Breitbach-Preis 
2002 Stipendium des Deutschen Literaturfonds 
2003 Kranichsteiner Literaturpreis, Rheingau Literatur Preis 
2004 Eugen Viehof-Ehrengabe der Deutschen Schillerstiftung von 1859; Dedalus-Preis für Neue Literatur 
2006 Literaturpreis der Stadt Bremen